Das gelungene Zusammenspiel von Graphic Recording und Facilitation bei Konferenzen

2018-04-26T18:45:46+00:00 8. März, 2018|Categories: #graphicrecording|Tags: , , |

von MATHIAS WEITBRECHT 4–5 minutes to read

In den letzten Jahren besuchte ich weltweit hunderte Konferenzen in der Regel als Graphic Recorder oder auch als Teilnehmer und Lernender. Was auffällt: Das Thema Effektivität ist bei Konferenzen weitgehend unterentwickelt. Es scheint einen Konflikt zu geben zwischen dem Wunsch, so viele Teilnehmer wie möglich zu versammeln, um das Konferenzhotel zu bezahlen und teure Redner einfliegen lassen zu können, und eine großartige, nachhaltige Teilnehmererfahrung zu schaffen. Überfrachtete Agenden, Frontbeschallung und PowerPoint-Schlachten sind die Regel. Hauptnutzen für die Teilnehmer bildet der Networking-Faktor für uns als „Social Animals”, die Teilnehmer-Erfahrung steht oft hinten an.

Eine gute Planung kann man daher vom Ende her aufzäumen (z.B. „was würden Teilnehmer nach dem Event darüber berichten”) oder vom Anfang: dem Formulieren und der Story der initialen Ansprache potenzieller Teilnehmer.
Innovative Konferenzen sind „in”. Ob sie TED, Wisdom 2.0, DO Lectures, Ideas change everything, Wow Talks, re-publica oder Vision Summit heißen – neue Formate finden sich überall und das auch global. Dazu kommen klassische Konferenzen, teils seit Jahren vor Ort und etabliert, wie die Handelsblatt-Branchenkonferenzen, das Swiss Economic Forum und andere Wirtschaftstagungen, die als inspirierendes Element nun innerhalb gesetzter Elemente neuerdings „Joker“ einbauen, die Inspiration schenken und zum Erweitern der Horizonte auffordern. Das können neue Formate wie World Café sein oder Sprecher, deren Thesen – genau – aufrütteln!

Innerhalb dieses breiten Spektrums spielen Visualisierung, Graphic Recording und Facilitation bedeutende Rollen – und dies natürlich am besten im gekonnten Zusammenspiel. Meist findet man mal das eine (perfekte Facilitation) oder das andere (gelungene Visualisierung), aber bisher selten beides zusammen.

Hier ein gelungenes Beispiel eines Events, bei dem beides eingebunden und gekonnt verknüpft war:

Fallbeispiel

Graphic Recording und Facilitation bei der Konferenz SIETAR Forum 2012

Das SIETAR Forum 2012 in Aktion: Die Konferenz der Society for Intercultural Education, Training and Research erforschte wie eine globale interkulturelle „kosmopolitische” Kommunikationskompetenz aussehen könnte. Vordenker unterschiedlicher Perspektiven zum Thema wurden eingeladen. Als Aufhänger und Story diente eine Welt, wie wir sie uns im Jahr 2050 vorstellen, in der ein integrales Bewusstsein das durchschnittliche Niveau der Entwicklung geworden ist und sich in Gehirn, Geist, Kultur und Systemen ausdrückt. Kosmopolitische Kommunikationspraxis heißt dann – in dieser Zukunft von 2050 –, dass Austausch zwischen Gruppen unterschiedlicher auch scheinbar unvereinbarer sozialer und kultureller Realitäten Wirklichkeit geworden ist. Und natürlich ist dies angesichts der Herausforderungen, vor denen die Welt steht, auch notwendig!

Die internationale Konferenz bot über drei Tage zahlreiche Plenum-Keynotes sowie 32 Workshops innerhalb der vier Bereiche Mind, Brain, Culture, System. Sie war erfahrungs-basiert aufgebaut, so dass die ca. 170 Teilnehmer selbst entdecken konnten, wie verschiedene Kommunikationsmodelle und Sichtweisen funktionieren – dazu wurden sie vom Facilitator-Team an drei Tagen durch die drei Phasen Orientierung, Erfahrung von Verschiedenheit (Divergence) und Zusammenkommen (Convergence) geführt – und dies innerhalb der vier erwähnten Bereiche. Zum Schluss fand eine integrale Dialogrunde statt, die alles zusammenführte sowie einsinken, wirken und sich verwurzeln ließ – wohlgemerkt als Erfahrung und nicht als eingefiltertes Wissen.

Herkömmliche Moderation als auch Dokumentation würde dieser Art von Event nicht gerecht werden. So gab es ein Facilitator-Team, das sehr unterschiedliche Kompetenzbereiche abdeckte und zusammenbrachte, sehr vernetzt agierte und in einem dynamischen, flow-artigen Austausch miteinander war. Es leitete die Teilnehmer über mehrere Höhepunkte, Perioden von Austausch und „Sharing” sowie Input-Sessions bis hin zu Stille und Einsicht. Der Visual Facilitator kreierte permanent ein visuelles Abbild der Konferenz. Der Reichtum und die Verflechtung der Themen und Ideen, die in wiederkehrenden Zyklen im Laufe der Tage auftauchten, konnte per Graphic Recording gut eingefangen werden. Auf dem Höhepunkt des Events, dem „Integral Dialog” wurde dieses Bild– an dem alle bereits während der Entstehung teilhaben konnten – den Teilnehmern ausführlich vorgestellt sowie mit Ziel und Absicht der Konferenz verknüpft.

Ein inspirierendes Beispiel auch für andere Konferenzen und Events!