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Besser lernen mit Visualisierung

Besser lernen mit VisualisierungWas steckt da dahinter? Das verbirgt sich im Detail. Warum können Bilder das Lernen fördern – und sind eigentlich ein echter Boost für jede Art von Fortbildung und Bildung? Dieser Beitrag führt alle Grundlagen dazu auf, zeigt praktische Ansätze und gibt einen Ausblick für das Bildungssystem.

Warum sollten wir überhaupt Visualisierung lernen?

Warum können wir das nicht von vornherein?

  • In unserem Bildungssystem lernen wir weder Bildsprache, noch visuell zu denken oder ein Thema bildhaft zu Papier zu bringen.
  • Dadurch haben wir falsche Glaubenssätze über visuelles Denken: es hätte mit Kunst zu tun oder etwas müsse schön sein, es wäre nur etwas für ”Kreative” oder benötige ein besonderes Talent (kommt das bekannt vor?)
  • Das kann u.a. führen zu Problemlösungs-Ineffizienz, fehlgeleiteter Kommunikation, schlechtem Erinnerungsvermögen oder der Nutzung nur bestimmter Intelligenzarten.
  • Doch gilt: Visuell denken ist uns Menschen innewohnend und jeder hat als Kind gemalt (doch Kunst ist nicht Visualisierung!).
  • Und die Welt verändert sich zu rasant, um dies zu ignorieren!

Entgegen dem alten Erklärungsmodell, Gehirnleistung sei Genetik und vererbt, bestätigt die aktuelle Hirnforschung, dass unser Hirn dynamisch form- und trainierbar ist. Es will noch stärker genutzt werden, und meistens ist nur ein Bruchteil in Aktion. Wie aktivieren wir dieses immense menschliche Potenzial? Indem wir unser Denkzentrum stärker stimulieren als durch Wort und Schrift: per Sehnerv und die aktive Verarbeitung des Gesehenen im Gehirn – am besten mit Neugier, Spaß und Freude. Dann freut sich das Seepferdchen Hippocampus im Gehirn. Diese evolutionär älteste Struktur des Gehirns ist dafür zuständig, dass sich neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Gehirn bilden sowie das Kurz- und Langzeitgedächtnis aktiv sind.

Das geht durch Visualisieren: Durch Bilder wird also das Gehirn stimuliert, werden alte Erinnerungen und Wissen abgerufen und neue Knotenpunkte aktiviert. Hier sind wir bei der ursprünglichen Bedeutung von „Bild-ung“: Bilder kreieren neue Verschaltungen im Gehirn!

Was ist Visualisierung?

Viisualisierung und BildungssystemDas hat sicher jeder schonmal gehört: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte”. Dies trifft auf das, was man „Visualisierung” nennt, jedoch weniger zu – denn Visualisierende schreiben auch ganz viel. Visualisierer nutzen also Bilder und tausend Worte! Wobei wir schon bei einem der mehren Unterschiede zu anderen Disziplinen rund um Bilder sind. Die folgenden Informationen geben einen Überblick bzw. eine Visualisierung Definition:

  • Visualisieren = Das Darstellen von Inhalten und Prozessen mittels Bildern. Abstraktes und Komplexes, Abläufe und Geschichten, Konzepte und Ideen können übersetzt und verständlicher werden oder in Erinnerung bleiben.
  • Dabei ist der Prozess wichtiger als das Produkt: Es geht weniger ums Bild, der Fokus liegt auf der Wirkung bzw. den Impact auf eine Gruppe.
  • Visualisierung ist oft ein gezieltes Einsetzen zu Papier oder in digitalisierter Form.
  • Ein Teil der Grundlagen wird auch unter dem Begriff „Visual Thinking“ zusammengefasst.

Mein Kollege Malte von Tiesenhausen nennt Visualisierung auch „Denken sichtbar machen“. Und der Buchautor des Standardwerkes UZMO nennt es „Denken mit dem Stift” und eine Kultursprache. Ja, das Gehirn ist sehr beteiligt. Visualisierung ist sozusagen eine „gehirngerechte” Darstellung von Gedanken, Text und Informationen. Was überall genutzt wird: Visualisierung ist heute zu einer „Querschnitts-Disziplin” mit verschiedensten Anwendungen in Business, Wissenschaft, Technik und Kultur geworden.

Fast alles lässt sich visualisieren. Definition: Die Disziplinen von Visualisierung sind keine Illustration, Kunst oder Grafik. Sie sind eine seit über 40 Jahren existierende Methode die neuerdings (erst in jüngster Vergangenheit) auch von Illustratoren ausgeübt wird. Aber daher entstammt sie nicht. Illustration gibt es deutlich länger und ist viel älter als beispielsweise Graphic Recording. Die Skills, die es für Visualisierung z.B. in Gruppen oder für lernende Organisationen braucht, werden oft unterschätzt. Ich habe daher diesem Thema der Fähigkeiten in meinem Buch „CoCreate! – Das Visualisierungsbuch“ ein ganzes Kapitel gewidmet.

Die Vorteile von Visualisierung

Auch wenn (nicht nur beim Thema Visualisierung) natürlicherweise die Tendenz besteht, vom „Produkt” zu sprechen (hier also dem Bild) geht es um etwas viel Wichtigeres: Statt ums Bild geht es um ein Problem und dessen Lösung. Gute „Visual Practitioner” zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Interaktion mit Kunden diese Problemlösungs-Kompetenz haben. Kunden benennen zwar, dass sie etwas Bestimmtes haben wollen. Was „unter dem Eisberg ist” – worum es ihnen also wirklich geht – ist aber das Entscheidende, denke ich: die Lösung ihrer Probleme. Niemand will eine Bohrmaschine kaufen. Sondern das Loch in der Wand. Besser noch ein schöneres Heim.

Ein Beispiel

In unserer Arbeit erleben wir immer wieder, dass es ein großes Bedürfnis unserer Kunden ist, Menschen zu erreichen. Die Mitarbeiter. Eine Zielgruppe. Stakeholder. Und andere mehr. Ich bin überzeugt: Menschen erreichen ist einer der Hauptvorteile von Visualisierung! Nehmen wir ein Beispiel, wie es nicht gut geht: mit PowerPoint. Denn was damit präsentiert wird, läuft linear ab (Slide 1, Slide 2, Slide 3…) – doch die Welt und alles was geschieht, läuft eben nicht linear ab. Informationen können also in einem „Big Picture”, in der Darstellung von Vernetzung und visuell deutlich besser Menschen erreichen.

Visualisierung: Anwendung quer durch alle Branchen und Disziplinen

Ob im Startup, einer agilen Organisation, in Veränderungsprojekten, in Scrum-Projekten, in der Bildung, beim Selbstlernen, in Online-Meetings oder E-Learning-Programmen – überall kann Visualisierung und das Nutzen von Bildern einen entscheidenden Unterschied machen:

Persönlich visualisieren: Visualisierung um Gedanken zu sortieren, sich zu organisieren, nichts zu vergessen, den Überblick zu behalten etc.

Für Unternehmen visualisieren: Zahlen/Daten/Fakten strukturieren, Informationen besser darstellen, abstrakte Gedanken zu konkreten Einsichten bringen, participative Prozesse und Teaminteraktion, und vieles mehr visualisieren.

In Bildung, Fortbildung und E-Learning visualisieren: Visualisierungen fördern das Lernen und Verstehen, das Geben von Bedeutung, das Erkennen von Zusammenhängen, und die Nachhaltigkeit des Lernens.

Visualisierung unterstützt auf zahlreichen Ebenen – und das kann man lernen:

  • Visualisierung hilft das Lichten interner Betriebsblindheit und verengter Perspektiven.
  • Visualisierung lernen ist Katalysator für Teamarbeit durch schnelles Verstehen, Assoziieren, neu Verarbeiten.
  • Visualisierung beschleunigt den Informationsaustausch im Team – auch über die Unterschiedlichkeiten der Teilnehmer hinweg.
  • Visualisierung gibt Blick auf das große Ganze, bei gleichzeitiger Integration individueller Perspektiven.
  • Haptisches Berühren der Bilder stimuliert Interaktion, Verständnis und gemeinsame Einsichten.
  • Verschiedene Hintergründe können in Leichtigkeit aufeinander treffen und miteinander in Beziehung treten.
  • Visualisierung schafft höhere Zufriedenheit und Akzeptanz der Gruppenergebnisse durch den Einzelnen.
  • Daten, Inhalt, Text usw. werden nicht nur kognitiv verstanden, sondern von und in alle Ebenen des Fühlens, Wahrnehmens, Denkens und Handelns integriert.

Schlussendlich schenkt Visualisierung Teams eine übergreifende, unterstützende Struktur, die Informationen organisiert, mithilft den Gruppendialog zu koordinieren, die kognitive Leistung erhöht, Wichtiges hervorhebt und die Interaktion fördert.

Wie können Pädagogik oder das Bildungssystem von Visualisierung profitieren?

Am besten in dem das Erlernen von Visualisierung breit genutzt wird, und diese Techniken immer mehr ins „Betriebssystem” von Organisationen und Teams übergehen. Und der Beginn davon ist, die Glaubenssätze „ich kann nicht zeichnen” bzw. „es muss schön/hübsch aussehen” gehen zu lassen. Denn darum geht es nicht bei Visualisierung, und jeder kann visualisieren.

Arten von Visualisierung

Es gibt partizipative, interaktive Visualisierungsmethoden, sowie mehr individuell genutzte Arten. Es gibt Arten die persönlich genutzt werden, andere die am „Rand eines Raumes” erstellt werden, und andere die auf der Bühne bzw. im Kreis der Anwesenden stehen.

  • Graphic Recording (Visualisierung als interaktive Echtzeit-Dokumentation).
  • Visualisierung im Gruppenprozess als Kernbestandteil von Facilitation – auch im Online-Meeting.
  • Prozess-Visualisierungen,
  • Zielbild-Visualisierung, Leitbild-Visualisierung, Visions-Bilder und andere Arten der Strategie-Visualisierung.
  • Sketchnotes Visualisierung: persönliche, visuelle Notizen die u.a. Das Lernen unterstützen.
  • Von Hand auf Papier, oder digital z.B. auf einem iPad- oder Wacom-Tablet.

Es gibt noch einige weitere. Die genannten Arten von Visualisierung interagieren auch miteinander, und/oder können in sinnvoller Reihenfolge hintereinander eingesetzt werden, um beispielsweise komplexe Projekte auf ein neues Level zu heben. Visualisierung verändert: Visualisierung bzw. Bilder im Veränderungsprojekt wirken Wunder! Das kann auch eine einfache, schnelle Strichzeichnung sein. Im richtigen Moment, und sei es auf einer Serviette, erstellt und gezeigt, kann das einen transformativen Moment oder Tipping Point fördern.

3 Levels des Erlernens von Visualisierung

Die Arten von Visualisierung sind auch unterschiedlich zu erlernen. Alle Grundlagen kannst Du Dir einfach per Präsenz- oder Online-Kurs aneignen. So gibt es beispielsweise bereits seit 2016 den bewährten VizTrain Online Kurs. Dagegen benötigen Fortgeschrittenen-Arten von Visualisierung, die Prozesse und Gruppeninteraktion als Basis haben (wie z.B. Graphic Recording oder Visual Facilitation) das Live- und Interaktions-Element beim Erlernen, also den Kontakt zu Menschen. Strategie- und Prozessvisualisierung erfordern neben der Kreation der Bilder solides Knowhow in Business, Strategie bzw. Organisationsentwicklung. Willst Du Klasse der Meisterschaft von Visualisierung treten, so ist das-Level in guten High-End Masterclass-Trainings oder per persönlichem Mentoring erlernbar.

Beispiele von Visualisierung

Gedanken werden zu Bildern: „Denke nicht an einen rosa Elefanten” – bereits das schon ist ein erstes Beispiel von Visualisierung. Visualisierungen können also nicht nur als äußere Artefakte, sondern auch im eigenen Bewusstsein entstehen. Etwas von Hand Gezeichnetes, ein Text neben dem ein Symbol steht, Daten die als Grafik oder Metapher dargestellt sind, oder ein Begriff der emotional aufgeladen wird… Das ist jeweils nur ein kleines Beispiel was möglich ist. Und wirkt!

Mal ganz praktisch: Visualisierung selber einsetzen

Visualisierung Material Neuland

  • Lerne, Deinen Gedanken mit Bildern Bedeutung zu geben. Eine Strichzeichnung auf einer Serviette ist auch eine Visualisierung. Fang klein und einfach an.
  • Übe Visualisierung im Alltag. Zeichne Dinge ab, erfinde Symbole, höre Vorträgen zu und halte fest was für Dich relevant ist (Sketchnote-Visualisierung).
  • Kauf Dir Stifte für Visualisierung, die Spass machen und das Visualisieren gut unterstützen. Starte mit einem kleinen Block, nutze dann A4- und A3-Formate und wage Dich dann an Deine erste Flipchart-Visualisierung.
  • Bereite Dein nächstes Meeting mit Visualisierung vor: Schaffe eine Vorlage mit Hilfe einfacher Symbole, Bilder und Text, die dann im Meeting ausgefüllt wird.
  • Nimm ein abstraktes strategisches Konzept oder ein berufliches Projekt und beginne es zu visualisieren, beispielsweise in einem der Spannungsfelder vorher/nachher, Ist/Soll, o.ä.
  • Übe Dich in der Abfolge des 1. Erfassens (von Gedanken und Informationen), dann des 2. Verstehens und 3. Filterns dieser (was ist relevant, was hängt mit was zusammen?) und erst dann 4. das Visualisieren der Bilder auf Papier.
  • Erschaffe eine gezeichnete Visualisierung Deiner Ziele oder Deiner Vision. Stelle Deine Zukunft als Bilder dar. Nimm Dir dann Zeit um die Inhalte zu visualisieren (vor dem inneren Auge erleben und visualisieren, ohne Gedanken).
  • Und bei allem: Mach es ganz einfach. Nutze bekannte Symbole, wie in einem Comic, und die Bilder die in unserer Sprache enthalten sind. Verbinde mit Linen und Pfeilen. Nutze Container und Formen. Wie gesagt: es muss nicht schön, gerade oder ästhetisch sein. Visualisierung ist nicht Kunst oder Illustration.

Mit Hilfe von Bildern die neue, bessere Welt erschaffen

Vortrag visualisiert Visualisierung lernenÜbrigens spielt Visualisierung auch beim derzeitigen Erschaffen einer nachhaltigeren Welt und dem Neugestalten des menschlichen Miteinanders eine Rolle. Liegt die neue Vision, das wie wir leben, lernen und arbeiten wollen, als Bild vor, so kann sie sich besser manifestieren. Energie geht dahin, wo Aufmerksamkeit hingeht. Im Dauer-Lärm der Bilder unserer Social Media Timelines kann das, was was gerade wirklich wichtig ist, untergehen und übertönt werden. Meine Gedanken und mein Gehirn werden reaktiv und folgen den Agendas und Visionen anderer. Doch visualisieren wir unsere eigene Vision und erschaffen Zukunfts-Bilder, so können wir das erreichen, was wir uns wünschen. Visualisieren hilft dabei. Bist Du dabei?

Hast Du Lust, Visualisierung zu lernen?

Genau Du bist die Person, die jetzt die Zukunft gestaltet. Betrete Deinen Raum, Dein weißes Blatt Papier. Gestalte die Welt, in Du leben willst. Und nutze das Potenzial, das Dich in Fülle umgibt. Die Welt steht Dir offen.

Viel Spaß!

Leg alleine los! Oder lass Dich beim Visualisieren begleiten: Finde hier Informationen zu Seminarangeboten und Onlinekursen: VF Trainings.

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