Die Geschichte von Graphic Recording

Die erste komplette Darstellung der Historie der beliebten visuellen Methode!

Graphic Recording Beispiel Arbeit mit einer Gruppe

Graphic Recording hat eine hohe Bedeutung bei Events, Konferenzen und Meetings  erlangt, und steht für innovative Veranstaltungen und Veränderungsgestaltung. Dennoch scheint nicht allen klar zu sein, was diese Methode wirklich ist noch wo sie eigentlich herstammt.

So hört man immer wieder Dinge wie „Vorträge zeichnen”. Oder „diese neue Disziplin” (Zitat Illustratoren Organisation). Sicher ist es so, dass manche Graphic Recording für sich erst seit Kurzem, und damit als neu, wahrnehmen.

Was es noch lange nicht zu einer neuen Disziplin macht.
• Ist bekannt, dass Graphic Recording ab 1972 entstand?
• Dass der erste Graphic Recording Lernworkshop 1980 stattfand?
• Dass der internationale Berufsverband für Graphic Recorder 2020 sein 25-jähriges Jubiläum feiert?

Um Graphic Recording in seinen vielen Spielarten heute zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Geschichte. Um als Ausübender (also als Anbieter von Graphic Recorder) oder als Kunde (also als Einkäufer von Graphic Recording) die Methoden richtig einschätzen und verstehen zu können, ist diese Historie von Bedeutung. Das ist die Intention für diesen Artikel.

Zusammenfassung

Aufgrund der Länge des Beitrags erst eine kurze Zusammenfassung: Graphic Recording ist eine interaktive Praxis, um mit Gruppen zu arbeiten. Dabei wird i.d.R. auf großformatige Papierwände visualisiert. Die Methode entstand aus Graphic Facilitation heraus in den 1970er Jahren an der US-Westküste. Ein Netzwerk von Beratern und Prozeßbegleitern hatte sich dort von den Designern und Architekten inspirieren lassen. Diese nutzen aktive Fragestellungen und große Papierwände bei der Problemlösung und Projektarbeit. Seit den 1970iger Jahren haben sich Graphic Recording und Visual Facilitation zu einem breiten Spektrum von Prinzipien und kreativen Praktiken entwickelt und rundum die Welt verbreitet. Die Entwicklung verlief in mehreren Wellen, wobei anfangs noch direkt von den Pionieren gelernt wurde während heute Neueinsteiger ohne Audbildung einfach loslegen. Insbesondere in den letzten zehn Jahren hat die Verbreitung von Graphic Recording massiv zugenommen.

Dieser Beitrag zeichnet einige der frühen Einflüsse und Strategien nach, wie Einflüsse aus psychologisch beeinflusster Moderation, Storytelling, kollaborativer Praxis und anderen Ansätzen zur Steuerung von Gruppenprozessen integriert wurden. Visualisierung ist inzwischen ein eigenes Berufsfeld, das Arbeitsfeld der „Visual Practitioner“ – entstammend den oben beschriebenen Wurzeln aus Facilitation, Prozessbegleitung und Organisationsentwicklung. Wie dieser Beitrag zeigt, entstammt Visualisierung daher historisch gesehen nicht der Illustration oder dem kreativen Bereich. Es handelt sich um Beratungs- und Interaktions-Tools für Gruppen und Meetings, allerdings werden heute auch oft Konferenzen mit Graphic Recording begleitet. Das Berufsfeld hat sich jedoch durch den Zustrom von Illustratoren insbesondere in Deutschland verändert. Hier besteht derzeit die große Chance des Voneinander-Lernens.

Die wilden 70iger Jahre…

David Sibbet ist einer der Begründer von Graphic Recording und bis heute in der Szene aktiv. Er beschreibt in seinem lesenswerten Rückblick seinen Blick auf die geschichtliche Entwicklung. Doch dies ist bei weitem nicht die einzige Quelle an historischen Informationen zur Entwicklung von Graphic Recording. Dieser vorliegende Artikel ist der erste deutschsprachige Beitrag, der zahlreiche erreichbare Quellen auswertet und daher zeigt, wo Graphic Recording genau herkommt, was damit seit den 1970iger Jahren gemacht wurde und wer prägende Pioniere auf dem Weg waren.

Die San Francisco Bay Area war (wie heute) Mitte der 1960er und 70er Jahre eine intellektuell reiche, innovative und kreative Umgebung, in der Menschen aus zahlreichen Bereichen zu neuen Ebenen des Denkens und Verstehens vordrangen. Egal ob in Architektur, Film, sozialem Wandel, den Anfängen der Informatik und der künstlichen Intelligenz – viele Menschen in diesen Bereichen arbeiteten an Möglichkeiten, anderen zu helfen, effektiver zusammenzuarbeiten und zu lernen.

San Francisco - wo Graphic Recording geboren wurde

In den 1970er Jahren begann sich Facilitation (zu deutsch am besten mit ‚Prozessbegleitung‘ übersetzbar, da der oft verwendete Begriff ‚Moderation‘ die Tätigkeit nicht vollständig beschreibt) herauszubilden. Facilitation entstand als ein eigenes Arbeitsfeld aus den Bereichen Schiedsgerichtsbarkeit, Mediation und Verhandlung da die Notwendigkeit unparteiischer Leiter von Gruppenprozessen immer deutlicher wurde.

Damals gründeten dann Peter Strauss und Michael Doyle, zwei ehemalige Architekten, das Beratungsunternehmen ‚Interaction Associates‘ (IA). Sie publizierten ein Werk mit dem Titel „How To Make Meetings Work” – damals die zukunftsträchtige „gelbe Bibel” für das aufstrebende Arbeitsfeld Facilitation. Sie waren angeregt durch Forschungsarbeiten im Bereich Bildung und sozialer Wandel. Insbesondere ein damals von der Carnegie Foundation finanziertes Projekt namens „Tools for Change” und die Kreativitätsarbeit des Stanford Research Institute (SRI) hat sie inspiriert.

Dann gab es damals Geoff Ball und Doug Englebart von Standford’s SRI. Sie hatten sich jahrelang mit einem Projekt namens „Augmented Human Intellect” beschäftigt. Geoff verfaßte ein Paper mit dem Titel „Explicit Group Memory”. Darin wies er nach, dass von allen Interventionen die man mit einer Gruppe machen kann, das Aufhängen eines großen Bildes am besten funktioniert. Und zwar dadurch, dass es für alle sichtbar, klar und visuell ist.

Genau das hat Peter und Michael von IA dazu gebracht, die von ihnen praktizierte Erstellung einer visuellen Dokumentation in Meetings und Gruppen nun „Gruppengedächtnis” (Group Memory) zu nennen. Sie wandelten ihre Methode ab, das nur über Flipcharts zu machen, sondern begannen, Teams aus „Recorder” und Facilitator zusammenzustellen – zwei Rollen für eine Aktivität. Also genau das, was bis heute der Kern von Graphic Recording ist. Das wurde damals ihr bevorzugter Weg, mit Gruppen zu arbeiten.

Was den beiden am Herzen lag, war die Arbeit mit der Dynamik von Gruppen sowie das Denken von Gruppen. Sie haben also damals Facilitator- und „Recorder”-Teams gebildet. Sie fanden heraus, dass Menschen am besten lernten, wenn sie sich auf eine Sache nach der anderen konzentrieren konnten; wenn sie also in einer logischen Reihenfolge arbeiten konnten. Heute, im 21. Jahrhundert, wissen wir (hoffentlich) sehr gut, dass Multitasking nicht funktioniert. Das war auch damals, in den wilden 70igern, die Erkenntnis von Peter & Michael. Folgendes Zitat beschreibt ihren visuellen Ansatzes zur Unterstützung von Lern- und Gruppeninteraktionen:

„The human brain is essentially a massive parallel processor. But for a group to work together, the group brain needs to be a serial processor. The group memory is the consciousness thread that is used to keep the group focused on working on one thing, and working on it in a logical sequence. Group memory is the stuff you post on the walls or otherwise collect where everyone can see it. It is where you keep all comments, ideas, discussion, agreements, thoughts, votes and decisions, so each person can see what we’re talking about now.”
[Group Memory: How to Make Meetings Work, Doyle & Strauss]

Damals, als sich Peter Strauss und Michael Doyle mit IA in San Francisco niedergelassen hatten, gab es weitere Menschen, die mit den Vorzügen visueller Ansätze experimentierten.

Ebenfalls aus Stanford begann Fred Larkin, ein Kunst- und Philosophiestudent, mit der Entwicklung von Werkzeugen, die die neuen visuellen Experimente unterstützen. Er bastelte aus Steckbrettern und einer Wandlaufrolle eine Halterung, die bis zu 16 Fuß langes Blockpapier (wie es damals Metzger nutzten) hielt. Später machte Larkin dann tatsächlich Karriere mit Moderationstechnologien. Ein weiterer ehemaliger Architekt, Joe Brunon, schuf einen Ansatz namens „Generative Graphics”. Dabei nutzte er den schnellen Zeichenstrich, den Architekten haben, weit entfernt von Design. Nach seiner Architekturkarriere, war Joes Arbeitsfokus der Bereich Social Change und er kombinierte diesen mit den großen Bildformaten von Architektenplänen.

Dies waren die ersten frühen Pioniere. Man bemerke sowohl die Wurzeln als auch die Errungenschaften dieser Zeit: Prozessbegleiter trafen auf Architekten – trafen auf Bildung und Change-Arbeiter – trafen auf Forschungen aus Psychologie, Gehirnforschung. Sie erkannten, dass eine Gruppe ein „kollektives Gedächtnis hat”, dieses am besten sequentiell wirken kann, und idealerweise visuell abgebildet wird.

David Sibbet - einer der Erfinder von Graphic Recording

Inmitten dieses kreativen Wirbels kam ein junges neues Gesicht auf die Bühne, David Sibbet. 1972 arbeitete er für eine Leadership Development Organisation namens Coro Foundation, die ein neues Büro bezog. Im Nachbarbüro befand sich Interaction Associates. David begeisterte sich für die Methoden der IA. In seiner Arbeit wollte er Ausbildungsleiter eines Public Affairs Leadership Programms für die Coro Foundation werden. Dafür wollte er ein umfassendes Bild erstellen, wie eine Stadtverwaltung wirklich funktioniert.

Und zu dem Zweck wollte er sich eines Nachmittags von Fred Larkin dessen Wand-Papierhalterung ausleihen. Anstatt die kleinen, ca. 65 cm breiten Papierstreifen der IA-Methode zu nutzen entschied sich David Sibbet für ein großes Panoramaformat. Dabei entstand eventuell versehentlich eine neue Arbeitsweise!

Von diesem ersten aufregenden Nachmittag an fing Sibbet mit dem an, was er damals „Group Graphics” nannte – was heute Graphic Recording ist. Group Graphics® ist eine eingetragene Marke von Sibbet (obwohl es einige Diskussionen darüber gab ob Geoff, Fred oder David den Begriff zuerst geprägt hatten). Er lernte weiter von den Pionieren um ihn herum und erkundete die neuen Arbeitsweisen mit seinen Studenten. Er schulte sich in Systemdenken, machte einen Masters in Journalismus und lernte dort Fragen zu stellen, Zuhören und Storytelling. Dies sind alles bis heute essentielle Bestandteile von Graphic Recording.

Während all dieser Praxis investierte David auch in einen theoretischen Hintergrund. Eines Tages 1976 traf er Arthur M. Young, der in Berkeley lehrte.  Arthur hatte ein Framework namens „Theory of Process” entwickelt. David führte Visual Thinking mit Prozesstheorie zusammen und entwickelte Ende der 70iger Jahre das sog. „Group Graphics Keyboard”, eine Art Vokabular und Gramatik für visuelle Sprache. Dies ist bis heute in guten Graphic Recording Ausbildungen enthalten. Es basiert darauf, dass man Bilder nicht als statische Artefakte und Strukturen betrachtet, sondern auch den Prozess wie die Grafik entsteht und den man zu ihrem Verständnis braucht, einbezieht. Er begann also, bei der Nutzung von Visualisierung alles einzubeziehen.

„Sibbet recognized that the power of group memory could be increased substantially by adding a specialized set of icons or graphic images to the structure sketch. Sibbet, who had both strong artistic and conceptual abilities, developed a series of templates that could be used to structure ideas”.
[Geoff Ball, former SRI Explicit Group Memory Researcher]

Schließlich hielt er im vom 28.-30. Juli 1980 seinen ersten öffentlichen Workshop zu Group Graphics ab (in der Co-Leitung Sandra Florstedt und Geoff Ball) mit 20 Teilnehmern. Dieser Event gilt heute als erstes Graphic Recording Training jemals.

Ort des ersten Graphic Recording Workshops 1980

Veranstaltungsort des ersten Graphic Recording Trainings im Jahre 1980 im Fort Mason, San Francisco (Foto: Mathias Weitbrecht im Sept. 2017)

David Sibbet - 1980iger Jahre (Quelle: davidsibbet.com)

David Sibbet – 1980iger Jahre (Quelle: davidsibbet.com)

David Sibbet veröffentlichte anläßlich des ersten Trainings das Handbuch ”I see what you mean – A Workbook Guide to Group Graphics”– sozusagen das erste Buch über Graphic Recording. Ein Exemplar aus dieser Zeit liegt mir vor. Es ist auch Jahrzehnte später, neben Trainings, immer noch eine der besten Quellen, Graphic Recording zu lernen. David prägte den Satz „Helping people see what they mean” als Kernbenefit der Visualisierungsarbeit – Menschen zu helfen, „zu sehen, was sie meinen”.

Ein weiterer hier zu erwähnender visueller Innovator dieser Zeit wirkte in Großbritannien. Wir sprechen von Tony Buzan, dem Schöpfer von Mind Mapping. Buzans Methode ist eine frische Alternative zum veralteten, linearen Bildungssystem, das lehrt, alles in der linken oberen Ecke einer Seite zu beginnen… Mind Maps gehen stattdessen vom Zentrum aus und nutzen die natürliche Tendenz des menschlichen Gehirns, Dinge in verzweigten Mustern zu organisieren.

Der 80er Jahre Beratungsboom

Ende der 70iger Jahre, Anfang der 80iger wäre noch Jim Channon zu nennen, anfangs ein Mitglied der US-Armee. Mein Freund George Pór, ein weltbekannter Facilitator, hat ihn in den damaligen Jahren getroffen, so wie er auch David Sibbet, Bob Horn und andere traf. George erzählt, dass Jim für die Armee  eine Karte mit 1.500 Informationspunkten entwickelte. Die Armee brauchte etwas, um die zunehmende Komplexität in den Griff zu bekommen. Dafür entwickelte Jim eine visuelle Sprache, die er in der erwähnten Karte anwandte. Trotz der 1.500 Datenpunkte überforderte das visuelle Werk den Betrachter nicht. Später verließ Jim die Armee, verfasste ein Comic-Buch namens „The First Earth Bataillon” – eine visionäre Darlegung, wie eine Armee für die Regeneration der Erde genutzt werden kann. Später besuchte Jim das Seminarzentrum Esalen an der US-Westküste, um Human Potential Movement zu studieren – eine gerade aufkommende Kommbination aus Psychologie, Therapie und Bewusstseinsarbeit, aus der Jahrzehnte später u.a. die globale Mindfulness-Bewegung erwuchs.

Visualisierungs-Pionier Bob Horn und Mathias WeitbrechtZu nennen sind auch noch Jennifer Hammond Landau und Suzanne Bailey. Jennifer besuchte einen der frühen Workshops von David Sibbet und kümmerte sich dann darum, dass Visualisierung auf den Konferenzen der International Association of Facilitators (IAF) auftauchte. Und Suzanne trainierte zahlreiche Menschen in Graphic Recording und Graphic Facilitation. Der bereits erwähnte Bob Horn war ein Teilnehmer des ersten Workshops von 1980 und ist Verfasser des Standardwerkes „Visual Language”. 1999 sprach er auf der Jahreskonferenz des International Forum of Visual Practitioners.

Bild: Bob Horn, Visualisierungs-Pionier der ersten Stunde, mit Mathias Weitbrecht, 2018

Weiterhin gab es Nancy Margulies. Sie begann 1984 zu visualisieren. Nancy arbeitete viel in Visions-Sessions von Unternehmen und entwickelte über die Jahre ihren eigenen Ansatz, „Mindscaping”. Sie ist auch eine der ersten Praktizierenden des World Cafés und hat direkt mit Juanita Brown und David Isaacs gearbeitet. Später war Nancy eine der ersten, die Visualisierung auch „remote”, via Internet, z.B. per geteiltem Bildschirm, begann anzubieten. Ihr erstes Buch, „Mapping Inner Space” erschien bereits 1990, sowie mehrere Folgewerke in den Jahren danach.

Graphic Recording und Visual Facilitation erfuhren in den 1980er Jahren einen Boom. Das war ausgelöst dadurch, dass das Arbeitsfeld von Moderation und Facilitation eine große Nachfragewelle erlebte. Warum? Unternehmen und Behörden mußten Wege finden, mehr und mehr Mitarbeiter effektiver zusammenzuarbeiten zu lassen. Die Nische der visuell arbeitenden Berater paßte da gut dazu.

Das oben erwähnte Unternehmen Interaction Associates (IA), dass bei der Erstellung und Definition der ersten Facilitationansätze mitgewirkt hatte war inzwischen weltweit tätig. Es wurden große Recording-Teams zusammengestellt, um sie bei ihren Projekten zu unterstützen. Ende des Jahrzehnts gab es eine wachsende Anzahl Graphic Recorder, die sowohl innerhalb von IA als auch als freie Auftragnehmer aktiv waren.

In all dem sieht man die Fülle der Einflüsse, die zu Graphic Recording beigetragen haben. Diejenigen die damals, in den 1970iger und 80iger Jahren damit arbeiteten, waren von Anfang an sehr erfolgreich damit. Sie hatten große Kunden, da sie vor allem im Bereich Strategie arbeiteten. Daraus wurde übrigens später das komplexe, aber hocheffizient Arbeitsgebiet der Strategischen Visualisierung.

Eine Entwicklung in Wellen

In den mehreren Jahrzehnten, seit es Graphic Recording gibt, hat sich diese Methode in mehreren Wellen entwickelt. Von den Erfindern zu den Early Adoptern, zum internationalen Phänomen, bis zum Heute. Einem Heute, in dem zahlreiche Ausübende Graphic Recording nicht erlernen, sondern einfach loslegen. Mit allen Folgen.

Doch dazu später. Erstmal ein Blick auf die erwähnte Entwicklung in Wellen: Nicht alle, aber einige diese Wellen wurden übrigens 2007 von Christina Merkley sehr treffend visualisiert: Dies ist ein informatives Visual der Entstehungsgeschichte von Visual Facilitation – aus dem heraus Graphic Recording entstand:

History of Graphic Recording by Christina Merkley 2007

Obenstehendes Bild der Entwicklungswellen von Graphic Recording und Graphic Facilitation stammt von Christina Merkley. Es deckt die Historie nur bis 2007 ab. Wie hoch wäre wohl die Welle bei der die heutige Entwicklung steht? (Download des Bildes in hoher Auflösung hier)

Die folgenden Wellen wurden so treffend erstmals von Kelvy Bird beschrieben.

Die 1. Welle – 1970iger Jahre – die „Erfinder“: In diesen Jahren wirkten die Pioniere und methodenprägenden Erfinder von Graphic Recording, wie oben beschrieben: David Sibbet, Jennifer Landau und Gründer von The Grove Consulting. …

Die 2. Welle – 1980iger: Jim Channon, Matt Taylor, Brian Coffman mit MG Taylor Corporation (Colorado, USA)

3. Welle – 1990iger – die „Early Adopters”: In den 90igern wurden Menschen Visual Practitioner, die bei den Pionieren und Initiatoren gelernt und mit ihnen gearbeitet haben. Dadurch wuchs das Feld in den USA weiter. Und nicht nur das – in diesen Jahren begannen die ersten Facilitator in Kanada und in Europa damit zu arbeiten. Vor allem wurde damit in der praktischen Arbeit von Unternehmensberatung, von Organisationsentwicklung und Veränderungsgestaltung gearbeitet. Auch gemeinnützige Organisationen und die Projekte gesellschaftlicher Veränderung kamen in den Genuss, dass Graphic Recorder mit ihnen arbeiteten.

4. Welle – 2000er Jahre – die „Early Majority”: In diesen Jahren traf man Menschen, die noch immer ganz praxisnah von den Vorgängergenerationen gelernt hatten, – also eine „direkte Übertragung” genossen hatten. Während nach wie vor die „analoge” Anwendung vorherrschte (die Arbeit auf großen Wandflächen) begannen erste Versuche, digitale Technologien zu integrieren. Und erste Praktizierende begannen in Australien als Graphic Recorder zu arbeiten.

5. Welle – 2010er Jahre – die „Self-Directed Majority”: In diesen Jahren, insbesondere ab 2015 begannen zahlreiche Menschen, ohne die direkte Übertragung einfach „loszulegen”. Sie brachten sich selbst etwas über die Praxis bei, nutzten dazu Bücher und Videos, die von denen veröffentlicht wurden, die in den ersten vier Wellen begonnen hatten. In der Zeit kam nahezu der gesamte Rest der Welt hinzu: Mittel- und Südamerika, Mittlerer Osten, Indien, Afrika, Asien.

Eine globale Community von Visual Practitioners

In den 1990iger Jahren waren bereits viele Graphic Recorder unterwegs. Zwei von ihnen aus den frühen IA-Tagen, Leslie Salmon-Zhu und Susan Kelly, stellten fest, dass sie sich ja nahezu nie über ihre Arbeit austauschen konnten. Schließlich sind Graphic Recorder in der Regel ja alleine unterwegs. So dass sie andere ansprachen und 1995 ein erstes Community Gathering abhielten. 17 Graphic Recorder trafen sich in Occidental, Nord-Kalifornien, nahe San Francisco.

Seither finden diese Treffen jedes Jahr statt, sind zu globalen Graphic Recorder Branchentreffen geworden und sind wegweisend für die Szene aller Visual Practitioner. Aus den Treffen erwuchs innerhalb kurzer Zeit ein offizieller Berufsverband für Graphic Recorder, Visual Facilitator, Visualisierungs-Ausübende aller Art: eine globale Vereinigung namens International Forum of Visual Practitioners (IFVP). Ein freiwilliges, wechselndes Board leitet diese Organisation, führt jedes Jahr Konferenzen und Online-Meetings durch, unterhält eine gute Website und bietet zahlreiche weitere Mitglieder-Benefits. Konferenzen fanden bereits in den USA, Deutschland und Dänemark (EuViz) statt. 2020 findet die 25. IFVP Conference, wie die erste ebenfalls nahe San Francisco, statt.

Auch die International Association of Facilitators (IAF) vertritt bereits seit den 1980iger Jahren die Interessen von visuell arbeitenden Facilitators, und damit auch von Graphic Recordern.

In den 1990iger Jahren begann The Grove im großen Stil, visuelle Templates, genannt Graphic Guides®, zu publizieren und zu verkaufen. Das führte zu einem weiteren Boom der Visualisierungsmethoden inkl. Graphic Recording. Denn wer sonst immer scheu war, zu zeichnen, konnte nun visuelle Vorlagen an die Wand hängen, mit einer Gruppe ausfüllen, und so visuell unterstützt arbeiten. Eine Reihe bedeutender Techniken wurden so visuell: Szenariotechniken, strategische Visionsarbeit, Entscheidungsfindung und Feedbackrunden in Gruppen usw.

Ein weiterer Boom für Graphic Recorder kam, ebenfalls in den 90igern, durch das Aufkommen partzipativer Methoden, allen voran World Café und Open Space. Partizipativ arbeiten heißt, alle in einer Gruppe zu involvieren, und so ein besseres Ergebnis zu erreichen, als wenn es nur einen oder wenige Sprecher gibt. Graphic Recording kann diese Stimmen in Echtzeit sichtbar machen, direkt auf die Gruppe zurückreflektieren lassen und so Gruppenkohärenz entstehen zu lassen.
Hier entstand auch die Verbindung zur Kombination mehrerer partizipativer Zusammenarbeitsmethoden, der Praxis namens Art of Hosting.

Ende der 90iger Jahre begann vermehrt, Technologie Einzug in das Arbeitsgebiet von Graphic Recordern zu nehmen. Diese waren begeistert über das Aufkommen leistungsfähiger Scanner, später dann Digitalkameras usw. um ihre Recordings zu vervielfältigen und ihren Kunden weitere Nutzungsarten anbieten zu können. Das Apple iPad, mit inzwischen zahlreichen Visualisierungs-Apps, spielte ab 2010 eine Rolle für Graphic Recorder. Heute ist digitales Graphic Recording etabliert und verbreitet.

Graphic Recording und Visual Facilitation wurden immer wieder auch wissenschaftlich untersucht und in ihrer Wirkung bestätigt. Ein Beispiel dafür ist die Forschungsarbeit von Martin J. Eppler (Universität St. Gallen).

EVP European Visual Practitioners Treffen in Hamburg 2018

Gruppenfoto des EVP (European Visual Practitioners) Treffen in Hamburg, Nov. 2018

Im Jahre 2012 tauchte der Begriff „Sketchnotes” das erste Mal auf, geprägt durch Mike Rohde. Sketchnotes sind visuelle Notizen mit persönlichem Fokus im Kleinformat. In dieser Szene gelegentlich zirkulierende Definitionen von Graphic Recording lauten „Graphic Recording ist Sketchnotes in groß“ oder „Sketchnotes sind die kleine Schwester des Graphic Recordings”. Beides ist nicht korrekt. Haltung, Skills und Fokus unterscheiden sich sehr. Den Begriff Sketchnotes gibt es seit 2012, Graphic Recording seit Ende der 70iger Jahre.

Die Sketchnote-Szene und Visualisierungszene nähern sich heute mehr und mehr einander an, teilweise begegnen sich Ausübende beider Disziplinen auf Visualisierer-Treffen (wie die European Visual Practitioner Gatherings, siehe obiges Bild) oder Sketchnote-Treffen (wie das International Sketchnote Camp). 2018 erschien von Nadine Roßa und Visual Facilitators der erste Sketchnotes-Onlinekurs in deutscher Sprache.

Graphic Recording lernen

Es gibt derzeit kaum fundierte Graphic Recording Ausbildungen. Als Standards und Qualitätspioniere haben sich hier die GR-Ausbildung von The Grove, San Francisco, sowie das GR-Training von Bikablo etabliert. Diese empfehlenswerten, und sicher fundiertesten Angebote weltweit werden jedes Jahr gelehrt. Weiterhin bieten einige etablierte Praktizierende, die Graphic Recording selbst bei den Pionieren oder der zweiten Welle gelernt haben, vereinzelt Fortbildungen an. Das Angebot ist also sehr dünn.

Doch das ist nicht der Grund, weshalb in der heutigen Zeit zahlreiche Neu- und Quereinsteiger sich selbst Graphic Recording beibringen bzw. einfach loslegen.

Der Grund ist in der Regel eine Fehl- oder Neueinschätzung der Methode Graphic Recording. Die Annahme, daß es primär ums Bild ginge, um das Zeichnen. Dass damit Illustrations- und Zeichnen-Kenntnisse bzw. -Ausbildungen ausreichen würden. Jahrzehntelang standen bei Graphic Recording jedoch andere Skills im Vordergrund: Prozesskompetenz, Zuhören, Gruppendynamiken etc.

Darin liegt eine große Chance. Graphic Recording wandelt sich. Der Neueinstieg von Illustratoren in den letzten Jahren bringt auch schöne Gelegenheiten des Voneinander-Lernens mit sich. Facilitator lernen besser zu zeichnen. Illustratoren lernen Facilitation-Skills und -Haltung. Alle bieten Graphic Recording an, und alle kennen die historische Basis von Graphic Recording als Facilitation-basierte Methode.

Die Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern

Auch in den deutschsprachigen Ländern prägten einige Pioniere die Etablierung von Graphic Recording ab den 1990iger Jahren. Zu nennen sind hier Reinhard Kuchenmüller und Marianne Stifel (Visuelle Protokolle®), die bereits in den frühen 90igern eine Methode entwickelten bei der in Meetings und Seminaren prägnante, emotionale Kernaussagen und -momente festgehalten und mit einem Bild ergänzt wurden. Sie arbeiteten bevorzugt in kleinen Einzelbildern im A5-Format.

Der Facilitator Holger Scholz und der Visualisierer Martin Haussmann begannen ab 1997 unter dem Namen Kommunikationslotsen eine fruchtbare Zusammenarbeit, und machten Graphic Recording bekannt in Deutschland. Die ideale Kombination aus Prozessbegleitung und Visualisierung brachte Graphic Recording und Visual Facilitation in zahlreiche bedeutende Veränderungsprojekte. Sie entwickelten auch zahlreiche Produkte wie Templates, Lernlandkarten etc. sowie ein ausgeklügeltes Lern-Curriculum für Facilitation (Kommunikationslotsen) und Visualisierung (Bikablo®).

Anna Lena Schiller (Riesenspatz) war eine der ersten, die im großen Stil Vorträge großer Konferenzsaal-Bühnen per Graphic Recording dokumentierte. Ob es die Internet-Konferenz re:publica im Jahre 2010 war, oder viele andere vorher und nachher – Anna Lena Schiller visualisierte. Sie ist Herausgeberin des Sammelbandes „Graphic Recording” (Gestalten Verlag) mit Arbeitsbeispielen zahlreicher Kollegen.

Sabine SoederSabine Soeder und Mathias Weitbrecht, 2013 ist seit ca. Mitte der 2000er-Jahre aktiv. Sie involviert in ihrer Graphic Recording- und Facilitation-Arbeit Menschen sehr interaktiv und partizipativ, so dass diese die Ergebnisse mitgestalten. Sie arbeitet sehr maßgeschneidert in ihrer Prozessgestaltung, Moderation und Beratung für Workshops, Veranstaltungen und große Transformationsprogramme – und stets visuell. Inzwischen arbeitet sie mit einem hochprofessionellen europäischen Netzwerk.

Ich selbst, Mathias Weitbrecht, begann 2005 mit anfangs vor allem strategischer Visualisierung, dann später unter dem Namen Visual Facilitators mit dem Komplettspektrum an Visualisierung: heute sind wir mit einem großen Team von Visualisierern und Facilitators in der Lage, Projekte mit Changeberatung, Facilitation, Graphic Recording, strategischer Visualisierung, Zielbilder, Change-Maps bis hin zu Erklärfilmen zu betreuen (was bei Großengagements tatsächlich vorkommt, das im Laufe eines längeren Projekts nacheinander alles gebucht wird).

Holger-Nils Pohl ist ein Pionier darin, mit einfachsten Darstellungen hohen Wert zu schaffen, und hat bedeutende Trainings und Interaktionsformate geschaffen, vor allem auch in Agile- und Scrum-Welt. Er hat die iPad-App WorkVisual (2016–2019) entwickelt, die als allererste reine Graphic Recording-App galt. Sie bot ein vereinfachtes User Interface und einen Bildschirm-Modus für Vollbildübertragung trotz parallelen Arbeiten in der App.

Circa 2010 gab es wenige Dutzend Praktizierende in Deutschland, die Graphic Recording in Vollzeit ausübten. Fast jeder kannte jeden, die Graphic Recorder sandten sich Emails mit Jobs, die sie nicht machen konnten, es herrschte ein gemeinsame Begeisterung und ein gegenseitiges Unterstützen.

Graphic Recording ist heute in Deutschland eine verbreitete Praxis. Das liegt auch daran, dass Illustratoren die Tätigkeit für sich entdeckt haben. Dies begann im größeren Stil ab ca. 2012-2013 mit einem derzeitigen Höhepunkt ca. 2019. Aus Wahrnehmung einiger deutschsprachiger Pioniere ging dies einher mit einer Erweiterung der Ausdrucksweisen (visuelle Stile), einem Preisverfall (da Illustratoren normalerweise andere Tagessätze veranschlagen) und einem Qualitätsverlust (da der zur Methode untrennbar dazugehörende Prozessfokus weniger integriert wurde).

Circa 2016-2017 begann die Illustratoren Organisation, Graphic Recording öfters zu erwähnen. Sie veröffentlichte in ihrem Honorarwerk auch einen Hinweis auf Graphic Recording. Die darin genannten Preise (Tagessätze) für  Graphic Recording in ihren mittleren und oberen Nennungen sind sicher halbwegs korrekt. Viele Illustratoren in den deutschsprachigen Ländern (deutlich weniger jedoch in anderen europäischen Ländern)  haben begonnen, auch Graphic Recording anzubieten. Dennoch bleibt, wie dieser Artikel zeigt, die Methode unverrückbar eine prozess-orientierte (statt bild-orientierte) Praxis.

Graphic Recording erfordert zahlreiche bedeutende Skills als erste Priorität, lange bevor Zeichenfertigkeit als Skill kommt. Diesem Thema widmet das Buch „Co-Create! Das Visualisierungsbuch“ ein ganzes Kapitel. Es gibt einige Beispiele in denen die Graphic Recording-Skills, die Facilitation-Haltung, die in diesem Beitrag beschriebene Herkunft von Graphic Recording herausragend verkörpert sind, wie beispielsweise beim früheren Illustrator und heute erfolgreichen Graphic Recorder Malte von Tiesenhausen.

2019 gibt es mehrere hundert Anbieter von Graphic Recording in Deutschland, doch nicht alle bieten dies als Haupttätigkeit oder in Vollzeit an.

In Berlin formierte sich ca. 2013-2014 das „Graphic Recording Netzwerk Berlin”, eine Gruppe bzw. fast Community befreundeter Graphic Recorder, die eng kooperieren. Ab 2016 traf sich eine Gruppe deutschsprachiger Graphic Recorder, vorwiegend mit Illustrations-Hintergrund, unter dem Namen „W28 Branchentreff”. Die Treffen in Köln, Hamburg, Wien, München usw. bringen sehr gekonnt einen Teil der deutschsprachige Szene zusammen – sind jedoch bisher nahezu ohne Vernetzung mit der globalen Szene (siehe oben, IFVP, EVP etc.) und deren teilweise jahrzehntelangen Arbeitsergebnissen.

In der Schweiz ist als Pionierin Ursula Arztmann (Innovation Factory) zu nennen, die bereits Ende der 90iger Jahre mit Visualisierung zu arbeiten  begann. Schon früh haben Facilitator wie Daniel Osterwalder begonnen, die Visualisierungstechnik in Projekten anzubieten und zu trainieren. Dabei besteht Daniels Einzigartigkeit darin, eine gekonnte Kombination von Facilitation, Design Thinking und Graphic Recording anzubieten.

In Österreich ist als Pionier Markus Engelberger zu nennen, der als „Visual Catalyst” heute „Closing the Creativity Gap” als Mission hat. Das Unternehmen VerVieVas bietet seit 2011 alles von Graphic Recording bis Erklärfilm an.

Guido Neuland, von der Firma Neuland, Hersteller von Büromöbeln, Seminarbedarf und Metaplan-Pinwänden, erkannte ab ca. 2009 das Potenzial der immer mehr werdenden Visual Practitioner und bedient deren Bedarf an Material bestens. Graphic Recorder und Visualisierer rund um die Welt arbeiten nahezu ausschließlich mit deutschen Neuland-Stiften, die keine Wünsche für Visualisierung offen lassen. Nachdem seit 2016 erst international sogenannte „Neuland Ambassadors®” als Markenbotschafter Tipps und Wissen rund um die Welt teilten gibt es seit 2019 auch in den deutschsprachigen Ländern die „Neuland Toolmaster®“.

Fazit

PowerPoint hat seinen Zenit längst überschritten. Graphic Recording ist ein Weg, mit Gruppen und in Meetings effektiver arbeiten zu können. dass dies und wie dies funktioniert, hat sich in der fast 50-jährigen Geschichte von Graphic Recording entwickelt. Viele besondere Menschen, viele Professionen und Hintergründe sowie eine Menge Praxis haben dazu beigetragen.

Die Historie von Graphic Recording ist wichtig. Insbesondere in einer Zeit, in der sich die Anwendung erweitert, neue Varianten hinzukommen, und die Anzahl der Ausübenden zunimmt. Die jahrezehntealte Definition, was Graphic Recording ist, bleibt oft unbekannt, oder verwässert.

Als Kunde (Einkäufer von Graphic Recording) ist es wichtig, dass Sie nicht nur dem Begriff „Graphic Recording” folgen. Denn wenn Sie mehrere Angebote vorliegen haben, auf denen dieser selbe Begriff angeboten wird, steckt oft etwas anderes als geliefertes Ergebnis dahinter. Es ist ratsam, dass Sie hinterfragen, was für einen Fokus der Anbieter hat, und ob dies zu Ihren Zielen passt. Die Geschichte von Graphic Recording kennen Sie nun nach der Lektüre dieses Beitrags, und damit auch die Power, die diese Visualisierungspraxis entfalten kann: Graphic Recording kann, richtig angewandt, zu Transformationsmomenten in einer Gruppe, einem Meeting oder einer Diskussion beitragen und damit Veränderung unterstützen. Dafür wurde es erfunden.

Doch was brauchen Sie? Manchmal reicht eine einfache bildhafte Dokumentation, manchmal ist der erwähnte Transformationsimplus gewünscht – und es gibt alles dazwischen. Für alles gibt es Anbieter, doch die Geschichte und die jahrezehntealte Definition, was Graphic Recording ist, sind für Anbieter als auch für Kunden wichtig.

Als Ausübender (Anbieter von Graphic Recording) ist eine Kenntnis der Wurzeln von Graphic Recording essentiell. Das Arbeitsfeld erweitert sich, viele Anbieter aus unterschiedlichen Hintergründen beginnen zu visualisieren, teils mit Training, teils ohne Ausbildung. Als Anbieter kann ich mir bewusst sein, welche unglaubliche Vielfalt an Skills es bedarf, um Graphic Recording gut ausführen zu können. Ich kann das große Potenzial nutzen, als alte „GR-Wurzel” (Facilitator) von neu wachsenden „GR-Früchten” (Illustratoren) zu lernen – oder umgekehrt als neu eingestiegener, bildstarker Illustrator von denjenigen lernen, die exzellent sind in Zusammenhängen, Vernetzung, Informationshierarchie und Organisationswissen sind. Voneinander lernen ist der Schlüssel. Dann kann ein neues Bewusstsein dazu entstehen was Graphic Recorder der Welt zu geben haben. Die Historie gehört dazu.

Die Geschichte von Graphic Recording erläutert auch, warum Visual Practice wirkt und was sie heute in der Welt beitragen kann: einen echten Baustein zur Lösung drängender Probleme der Welt. Jedoch umso mehr, je mehr Facilitation-, System- und Prozessfokus mit dabei ist. Ein groß skaliertes Beispiel dafür ist derzeit die Arbeit von Otto Scharmer, dessen Social Change Projekte und Theory U Hunderttausende in über 160 Ländern berühren, auch dank visueller Unterstützung.

Wenn ich oben bei der Geschichte von bisher fünf Wellen gesprochen habe, in denen sich Graphic Recording historisch entwickelt hat, so kann dies die sechste werden: Graphic Recording als weltumspannende Praxis, um dazu beizutragen globale Herausforderungen ganzheitlicher zu sehen, Bewusstsein auf eine höhere Ebene zu heben, und Veränderung für Mensch, Purpose, Organisation und Planet zu unterstützen.

Ausgewählte Quellen:

Christina Merkley – The History of the GRaphic Recording Field (PDF)
David Sibbet – A Graphic Facilitation Retrospective (PDF)
Susan Kelly – The Benefits of Using Graphic Recording / Graphic Facilitation (2005) (PDF)

Und die Zukunft?

David Sibbet – What’s the Future of the Visual Facilitation Field? (2015) (Link)
Kapitel „Future Casting Our Field” von Mathias Weitbrecht im Buch The World of Visual Facilitation